Hundertjähriges Tübinger Stadthaus mustergültig renoviert
Nach der energetischen Renovierung ist mit Liebe zum Detail das Haus wieder eine Augenweide geworden. | Foto: Regierungspräsidium Tübingen
Umweltbewusstsein, persönliches Engagement und Familientradition führten dazu, dass das im Jahr 1911 gebaute Tübinger Stadthaus heute in neuem Glanz erstrahlt...
und sich mit Energiewerten schmücken kann, von denen viele Hauseigentümer nur träumen. Zunächst haben die Eigentümer in dem alten Fachwerkhaus, das eine sehr solide Bausubstanz aufweist, die Erdgeschoss- und Dachgeschoss wohnung im Innenbereich komplett renoviert und mit modernen Küchen und Bädern ausgestattet. Dann erfolgte die energetische Modernisierung. Auslöser dafür war der nachvollziehbare Wunsch nach neuen, schall- und wärmedämmenden Fenstern, um ruhig Schlafen und Wohnen zu können. Denn auf der einen Seite fließt am Haus der Verkehr einer Bundesstraße vorbei und auf der anderen Seite bilden Besucher eines Theaters immer wieder eine nächtliche Geräusch- kulisse. Aus der geplanten Fenstererneuerung wurde eine umfassende und vorbildliche energetische Hausmodernisierung. Denn schnell war den Eigentümern klar, dass sie mit dem Austausch der Fenster zwar ein Energieloch stopfen und die Lärmbelästigung mindern würden, damit aber noch lange nicht den gewünschten modernen Wohnkomfort erreichen konnten. Nachdem wir uns eingehend mit der Problematik der Altbau- modernisierung befasst hatten, wussten wir, dass nur die Summe verschiedener Maßnahmen zum gewünschten Erfolg führen würde“, fasst Rainer Boess seine Erfahrungen zusammen. Geholfen haben dabei die neutralen Informationen des baden-württembergischen Impuls-Programms Altbau, der Besuch von vielen Handwerker-Messen, Lektüre von Büchern zur Altbaumodernisierung und die ausführlichen Gespräche mit dem Architekten Wolfgang Schmidt aus Rottenburg, der seit 20 Jahren Experte in der Altbaumodernisierung ist.
Umfangreiches
Maßnahmen-Bündel
Aufgrund des umfangreichen Gutachtens eines Bauphysikers wurde dann gemeinsam mit dem Architekten ein Umsetzungsplan erarbeitet und schrittweise durchgeführt. Dabei sprachen die errechneten Energie- einsparpotentiale für sich. Für das dreigeschossige Haus mit rund 300 m2 Wohnfläche und einem unbeheizten Treppenhaus errechnete der Gutachter eine mögliche Reduzierung des Energiebedarfs um 66 Prozent. Dieser Wert wird jetzt, nachdem alle Energiesparmaßnahmen abge- schlossen sind, auch tatsächlich erreicht, wie Ehepaar Boess versichert. Neben den Umwelt- und energetischen Aspekten war es der Familie außerdem ein großes Anliegen, dass das Haus in seinem alten Stil wiederhergestellt wird und sich optisch gut in die Nachbarschaft einfügt. Die Renovierungssünden der 60iger Jahre wurden ausgemerzt, beispielsweise die zweiflügligen Fenster mit den aufgesetzten Rollladenkästen und die versteckten Schmuckelemente an der Fassade. Investiert wurden insgesamt rund 230.000 Euro, die zum Teil über die zinsgünstigen KfW-Darlehen zur Gebäudesanierung finanziert wurden.
Kälte und Lärm bleiben jetzt draußen
Die Fassade wurde mit einer hochqualitativen 10 cm dicken Mineralwolle- schicht gedämmt, die zudem den Schallschutz verbesserte. Aus optischen Gründen entschieden sich die Eigentümer für Holz-Sprossen- fenster mit der ursprünglichen Dreiteilung, die in Wärmeschutzverglasung (1,1 W/m2K) ausgeführt sind. In den Schlafzimmern wählten Boess’ eine Verglasung mit einem hohem Schallschutz. Im Dachgeschoss wurden zusätzliche Fenster eingebaut, um die Belichtung zu erhöhen. Alle Rollläden wurden entfernt und dafür die alten Holzklappläden angebracht. Die erst 15 Jahre alte Dachdeckung sollte erhalten bleiben. Daher wurde zwischen den Sparren eine 16 cm dicke Mineralwolleschicht eingefügt und mit einer 8 cm dicken Mineralwolleschicht als flächige Untersparrendämmung ergänzt.
Moderne Belüftungsanlagen bringen frische, pollenfreie Luft ins Haus
Bei dieser Gelegenheit wurden in der Mansardenwohnung die Dachschrägen frei gelegt und zwei kleine Dachkammern aufgelöst. So entstand unter anderem Platz für die neu installierte Gas-Brennwerttherme, den 500 Liter fassenden Warmwasserspeicher (solar betrieben) und die zwei Wohn- raumbelüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, die zum einen die von den Eigentümern genutzten Räume im 1. und 2. Stock und die vermietete Erdgeschoss-Wohnung mit frischer, pollenfreier Luft versorgen. Auch der Dachstock und die Waschküche sind in die Belüftungssysteme integriert, da beide Bereiche im Winter zum Wäsche trocknen genutzt werden und deshalb eine konstante Belüftung wichtig ist. Von Vorteil war, dass das alte Haus über 4 Kaminzüge verfügte, durch die die modernen Installationen der Lüftungs-anlage und die Rohre für Heizung und Warmwasser relativ problemlos zu verlegen waren. Die Wohnungen im 1. und 2. Stock werden zusätzlich durch einen Holzofen beheizt. Durch das gemeinsame Lüftungssystem steht die durch den Ofen entstehende Abwärme beiden Wohnungen zur Vorheizung der Frischluft zur Verfügung. Erstaunlich ist, dass die Ofenwärme ausreicht, um die Wohnräume auf gemütliche 21 °C zu bringen und bei Familie Boess auch bei Minusgraden im Winter die Radiatoren nicht in Betrieb sind. Für den Außenanstrich wählte Familie Boess einen frischen Terracotta-Ton, für die Fenster und Fenster-Faschen altweiß. Kontrastreich heben sich davon der Haussockel, die Klappläden und sämtliche Holzteile am Haus mit ihrem warmen rot-braun Ton ab. Die Haustür wurde nach alten Vorlagen nach- gebaut und führt den Besucher in das liebevoll renovierte Haus, von dem die Eigentümer selber begeistert sind. „Wir haben unsere Wohn-Wunsch- vorstellungen realisiert. Wir wohnen stadtnah in einem schönen Altbau mit modernstem Komfort und niedrigen Energiekosten.“ Denn Familie Boess, die vor einigen Jahren in das vom Großvater erbaute Haus einzog, hat bei der Modernisierung alle energiesparenden Register gezogen und dabei viel Geld und Eigenleistung investiert. Heute gilt das Haus als Beispiel für eine gelungene Altbaumodernisierung und für attraktives Wohnen im Innenstadtbereich. Weitere Infos finden Sie unter: www.zukunftaltbau.de
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Die „Fensterhöhlen“ aus den 60iger Jahren mit wenig ansprechenden Simsen und Rollläden wurden durch Holzfenster – mit Stuck unterlegten Fenstersimsen und wieder benutzbaren Klappläden – ersetzt. |






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